Aus dem Leben

Wenn alle ihre Wahrheit haben – und niemand mehr miteinander spricht

Was der Konflikt um das Reutlinger S-Haus über Eskalation und Konfliktklärung zeigt

Das Reutlinger S-Haus ist eigentlich ein Ort der Begegnung. Menschen sollen dort gemeinsam essen, miteinander ins Gespräch kommen und Gemeinschaft erleben können.

Seit Monaten wird jedoch ausgerechnet um diesen Ort ein Konflikt geführt, der selbst immer weniger von Begegnung geprägt zu sein scheint.

Ich habe mich dazu schon einmal öffentlich geäußert. Mein Gedanke war damals: Geschützte Räume für Gespräche statt öffentlicher Positionskämpfe.

Dieser Gedanke scheint mir heute aktueller denn je.

Unterschiedliche Geschichten über denselben Konflikt

Wer die öffentliche Auseinandersetzung um das S-Haus verfolgt, begegnet sehr unterschiedlichen Darstellungen.

Wer hat Gespräche verweigert? Wer hat eskaliert? War der Betrieb gefährdet oder lief er problemlos weiter? Wer handelt im Sinne des Vereins?

Zuletzt veröffentlichte der ehemalige stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Kuhn auf Facebook einen Text seiner Vorgängerin im Amt der Schatzmeisterin. Er war ursprünglich als Leserbrief an den Reutlinger General-Anzeiger gerichtet und wurde dort nach Kuhns Angaben nicht veröffentlicht.

Auch dieser Text beschreibt die Ereignisse aus einer klaren Perspektive.

Von außen lässt sich kaum seriös beurteilen, welche Darstellung in welchem einzelnen Punkt zutrifft.

Interessanter ist deshalb eine andere Frage: Was geschieht mit einem Konflikt, wenn mehrere völlig unterschiedliche Geschichten über ihn entstehen – und jede Seite ihre eigene Geschichte verteidigt?

Wenn aus Sichtweisen Lager werden

Das zeigt sich besonders an der Sprache.

Da ist von „Gegenseite“, „Rebellen“, „Aktivisten“ oder „Abtrünnigen“ die Rede. Andere betreiben „Spielchen“, am Ende könnten „Scherben“ zurückbleiben.

Solche Begriffe zeigen, dass es längst nicht mehr nur um Sachfragen geht. Menschen werden Lagern zugeordnet, Motive bewertet.

Aus der Frage

Wie lösen wir unser gemeinsames Problem?

wird zunehmend:

Wer von uns hat Recht?

Je stärker ein Konflikt diese Ebene erreicht, desto schwieriger wird Verständigung.

Öffentlichkeit verschärft Konflikte

Facebook-Posts, Leserbriefe und Zeitungsartikel schaffen Publikum.

Das verändert die Dynamik. In einem vertraulichen Gespräch kann jemand sagen: „Das war zu hart“ oder „Jetzt verstehe ich besser, warum Sie das verletzt hat.“

Öffentlich wird eine solche Bewegung schwieriger. Wer seine Position verändert, muss das womöglich nicht nur dem Gegenüber, sondern auch den eigenen Unterstützern erklären.

Ein Schritt aufeinander zu kann dann schnell wie Nachgeben wirken.

Genau deshalb brauchen eskalierte Konflikte geschützte Räume.

Neuwahlen lösen nicht alles

Beim S-Haus gab es inzwischen Rücktritte und Neuwahlen.

Damit wurde geklärt, wer künftig Verantwortung trägt und entscheidet.

Aber eine Wahl kann keine Verletzungen beseitigen. Sie kann Misstrauen nicht auflösen und verhärtete Bilder voneinander nicht verschwinden lassen.

Eine Organisation kann formal wieder handlungsfähig sein und trotzdem einen ungelösten Konflikt mit sich herumtragen.

Und die Mediation?

Nach den öffentlichen Berichten wurde zwischenzeitlich auch eine Mediation angeregt. Nach der Darstellung eines ehemaligen Vorstandsmitglieds endete dieser Versuch bereits sehr früh.

Was dort konkret geschah, weiß ich nicht. Ich kenne weder Auftrag, Beteiligte noch Ablauf ausreichend. Eine Bewertung von außen wäre deshalb unseriös.

Aber Mediation braucht nicht Harmonie und auch keine Einigkeit. Wut, Enttäuschung und harte Positionen dürfen vorhanden sein.

Was sie allerdings braucht, ist eine minimale Bereitschaft, den anderen noch als Gesprächspartner anzuerkennen.

Fehlt diese Grundlage, besteht die erste Aufgabe nicht darin, Lösungen auszuhandeln.

Dann muss zunächst überhaupt wieder ein Raum entstehen, in dem Zuhören möglich wird.

Die wichtigere Frage

Vielleicht lautet die entscheidende Frage beim S-Haus inzwischen gar nicht mehr:

Wer hatte ursprünglich Recht?

Sondern:

Wie viel dieses Konflikts soll in die Zukunft des S-Hauses mitgenommen werden?

Denn letztlich sollte es dort nicht um alte oder neue Vorstände, einzelne Personen oder politische Lager gehen.

Es sollte um die Menschen gehen, für die dieser Ort geschaffen wurde.

Um Begegnung.
Um Teilhabe.
Um Gemeinschaft.

Das setzt nicht voraus, dass sich alle mögen oder einer Meinung sind.

Aber es setzt voraus, dass man den anderen irgendwann wieder als Gesprächspartner anerkennt.

Vielleicht beginnt Konfliktklärung genau dort.

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