Fachimpuls

Ein kleiner Fehler – und plötzlich steht ein ganzer Projektkonflikt im Raum

Wie vorschnelle Deutungen aus einer Kommunikationspanne einen ernsthaften Konflikt machen können.

Ein Mensch balanciert auf einer Slackline hoch über einem herbstlichen Wald – Sinnbild für den schmalen Grat zwischen Missverständnis und Konflikt
Bild: happyphoton/iStock

Was wie eine harmlose Kommunikationspanne beginnt, kann innerhalb kürzester Zeit eine erstaunliche Dynamik entwickeln. Plötzlich stehen Misstrauen, Kränkung und handfeste Vorwürfe im Raum.

Ein Fall aus meiner Arbeit zeigt, wie schnell das geschehen kann – und wie wenig es manchmal braucht, um eine Eskalation wieder aufzulösen.

Die Ausgangslage

Ich begleite zu diesem Zeitpunkt ein Unternehmen als externer Coach und Berater. In dieser Rolle unterstütze ich Team- und Projektleiter bei Führungsfragen, in der Zusammenarbeit und im Umgang mit Konflikten. Deshalb bin auch ich zu einem ersten Gespräch über ein neues Projekt eingeladen.

In dem Unternehmen arbeiten mehrere Teams eng zusammen und sind teilweise auf dieselben personellen Ressourcen angewiesen. Die Beziehungen zwischen den verantwortlichen Führungskräften sind grundsätzlich arbeitsfähig, an einigen Stellen jedoch bereits angespannt.

Nennen wir die Beteiligten A, B und C.

A und C leiten zwei Teams, die regelmäßig zusammenarbeiten. B gehört der Geschäftsführung an und möchte ein neues Projekt anstoßen. Dazu lädt er mehrere Mitarbeitende aus den Teams von A und C zu einem ersten Gespräch ein.

A und C jedoch scheinbar nicht.

A erfährt durch einen Mitarbeiter von dem geplanten Treffen. C wundert sich ebenfalls, weshalb er nicht berücksichtigt wurde. Beide fühlen sich übergangen.

Innerhalb kurzer Zeit entsteht eine gemeinsame Erklärung: B wolle sich offenbar Zugriff auf ihre Mitarbeitenden und deren Kapazitäten verschaffen, ohne die beiden Teamleiter einzubeziehen.

Aus einer fehlenden Einladung wird eine vermutete Absicht. Aus der vermuteten Absicht entsteht Misstrauen. Und aus dem Misstrauen wird sehr schnell ein offener Konflikt.

A stellt B aufgebracht zur Rede.

Was ist tatsächlich passiert?

B ist von der heftigen Reaktion überrascht. Da ich an diesem Tag ohnehin im Unternehmen bin und die Beteiligten bereits aus meiner Arbeit kenne, bittet er mich, ein kurzfristiges Klärungsgespräch mit A und C zu moderieren.

Nach wenigen Minuten zeigt sich:

B hatte A beim Zusammenstellen des Verteilers schlicht vergessen. Normalerweise wurden solche Einladungen von seiner Assistenz verschickt. Dieses Mal hatte er es selbst übernommen – und dabei einen Namen übersehen.

C hingegen war eingeladen worden. Die Nachricht war allerdings an einen alten, kaum noch genutzten E-Mail-Account gegangen. Erst während unseres Gesprächs fand er die Einladung in diesem Postfach.

Keine Strategie. Kein Machtspiel. Kein geplanter Zugriff auf die Mitarbeitenden.

Zwei alltägliche Fehler hatten genügt, um einen ernsthaften Projektkonflikt entstehen zu lassen.

Nicht der Fehler allein erzeugt den Konflikt

Missverständnisse gehören zum Arbeitsalltag. E-Mails erreichen nicht die richtige Adresse, Namen fehlen in einem Verteiler oder Informationen werden unvollständig weitergegeben.

Entscheidend ist häufig nicht der Fehler selbst, sondern die Bedeutung, die ihm zugeschrieben wird.

A und C kannten die tatsächlichen Gründe für die fehlenden Einladungen nicht. Diese Lücke blieb jedoch nicht lange offen. Sie wurde mit einer Erklärung gefüllt, die zu ihren bisherigen Erfahrungen und zu der bereits angespannten Beziehung passte.

Das ist menschlich. Wo Informationen fehlen, versuchen wir, Zusammenhänge herzustellen. Unter Druck greifen wir dabei besonders schnell auf vertraute Deutungsmuster zurück.

Aus „Ich wurde nicht eingeladen“ wird dann:

„Ich soll bewusst außen vor bleiben.“

Und aus „Ich kenne den Grund nicht“ wird:

„Ich weiß genau, was dahintersteckt.“

Je plausibler uns eine solche Erklärung erscheint, desto eher behandeln wir sie wie eine erwiesene Tatsache.

Alte Erfahrungen sitzen mit am Tisch

Die starke Reaktion war nicht allein durch die aktuelle Situation zu erklären. Die vergessene Einladung traf auf bereits vorhandene Irritationen und frühere Kränkungen.

Der aktuelle Anlass wirkte deshalb wie ein Beweis für etwas, das innerlich längst vermutet wurde.

Genau das macht manche Konflikte so schwer verständlich: Anlass und Reaktion scheinen nicht zueinander zu passen. Wer nur auf das aktuelle Ereignis schaut, hält die Reaktion möglicherweise für überzogen. Wer die Vorgeschichte kennt, erkennt die dahinterliegende Logik.

Konflikte entstehen selten in einem geschichtslosen Raum.

Zehn Minuten, die ein Projekt schützen

In diesem Fall ließ sich die Situation schnell klären. Die Beteiligten waren noch bereit, miteinander zu sprechen, die eigenen Annahmen zu überprüfen und die tatsächlichen Abläufe offenzulegen.

Ohne dieses Gespräch hätten sich vermutlich Gerüchte, Misstrauen und gegenseitige Unterstellungen weiter verstärkt. Der vermeintliche Beweis für ein taktisches Vorgehen wäre weitererzählt worden – und hätte die Zusammenarbeit im neuen Projekt von Beginn an belastet.

Zehn Minuten Klärung haben hier möglicherweise Wochen oder Monate an Konfliktfolgen verhindert.

Was Führungskräfte daraus mitnehmen können

1. Deutungen sind noch keine Tatsachen

Eine Beobachtung und ihre Interpretation sind nicht dasselbe. Zwischen „Ich wurde nicht eingeladen“ und „Man will mich übergehen“ liegt ein entscheidender Unterschied.

2. Nachfragen ist kein Zeichen von Schwäche

Eine einfache Frage kann verhindern, dass aus einer Irritation eine festgefügte Konflikterzählung entsteht:

„Ich habe von dem Termin erfahren, aber keine Einladung erhalten. War das beabsichtigt?“

3. Frühe Klärung schützt die Zusammenarbeit

Je länger Vermutungen unwidersprochen im Raum stehen, desto stärker verfestigen sie sich. Frühzeitige Gespräche helfen, Missverständnisse zu korrigieren, bevor daraus persönliche Kränkungen und stabile Fronten entstehen.

Wenn ein kurzes Gespräch nicht mehr genügt

Nicht jede Situation lässt sich innerhalb von zehn Minuten auflösen. Manchmal haben sich Misstrauen, Enttäuschungen und Vorwürfe bereits so weit verfestigt, dass die Beteiligten ohne Unterstützung nicht mehr miteinander sprechen können.

Dann kann eine externe Moderation oder Mediation helfen, Beobachtungen und Bewertungen wieder voneinander zu trennen, unterschiedliche Sichtweisen verständlich zu machen und einen verlässlichen Rahmen für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen.

Denn nicht jeder Konflikt beginnt mit einer grundsätzlichen Gegnerschaft.

Manchmal beginnt er mit einem vergessenen Namen in einem E-Mail-Verteiler.

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